Spiegelwand

Spiegelwand

Foto: Susanne Kähler, 2009, CC-BY-4.0

Das aus Stahl und Chromstahl gefügte Mahnmal steht im Zentrum einer dreieckigen Platzanlage an der Ostseite des Hermann-Ehlers-Platzes, die von Baumreihen eingefasst wird. Es besteht aus einer rechteckigen, auf Längskante aufgestellten Platte, die an beiden Fronten aus neun 1,0 Meter breiten und 3,5 Meter hohen Spiegeltafeln zusammen gesetzt ist. Die Spiegelwand steht rechtwinklig zur Häuserfront der Düppelstraße. In den Spiegelflächen sind Texte und Fotografien im Siebdruck-Fotoätzverfahren eingefügt worden. Hier finden sich 2000 Namen und Anschriften von deportierten Juden, deren Daten den Deportationslisten entnommen wurden, soweit ihre Namen einer Steglitzer Adresse zugeordnet werden konnten. Dazwischen befinden sich je drei Text- oder Bildtafeln zu jüdischem Leben in Vergangenheit und Gegenwart. Hier findet sich auch das vor 1938 von Walter Schneider Römheld aufgenommene Foto der ehemaligen, als Fassade im Innenhof erhaltenen, Synagoge Düppelner Straße 41, zu der das Mahnmal ausgerichtet ist. An der Längskante der Spiegelwand-Südseite stehen, untereinander angeordnet, die Buchstaben des Wortes GEDENKEN sowie darunter in Schreibschrift die Namen der drei beteiligten Künstler. An der Nordseite finden sich analoge hebräische Schriftzeichen.

Fakten

Werkdaten

Schaffende/Datierung

Burkert, Hans-Norbert (Historiker:in)
1994-1995

Göschel, Wolfgang (Architekt:in)
Rosenberg, Joachim von (Architekt:in)

Datierungs­hinweise

Einweihung am 07.06.1995

Objekt­geschichte

Den historischen Hintergrund zum konkreten Denkmalort bildet die Tatsache, dass sich auf dem Hinterhof des Hauses Düppelstraße 41 ehemals die Vereinssynagoge Wolfenstein mit 50 Plätzen befunden hat. 1897 hatte der Textilkaufmann Moses Wolfenstein eine hinter seinem Wohn- und Geschäftshaus gelegene Remise zur Synagoge umbauen lassen. Sie diente dem 1878 gegründeten „Religiösen Verein Jüdischer Glaubensgenossen in Steglitz“, dessen Vorsitzender Wolfenstein war, bis zum Progrom vom November 1938 als Heimstatt. Nach dem II. Weltkrieg wurde das Gebäude privat genutzt und war seither nicht öffentlich zugänglich. 1988 drohte das Gebäude abgerissen zu werden. Um dies zu verhindern, wurde sie in die Denkmalliste eingetragen und in der Folge saniert. Bis 1992 entstand der Neubau des Geschäftshauses Düppelstraße 41 mit integrierter Fassade der Synagoge im Innenhofbereich, allerdings ohne den für die ehemalige Funktion entscheidenden Treppenaufgang. Im September 1989 hatte die Steglitzer Bezirksverordnetenversammlung den Beschluss für eine Hinweistafel für die ehemalige Vereinssynagoge am Vorderhaus Düppelstraße 41 gefasst. Auf den Hermann-Ehlers-Platz war 1975 ein aus elf weißen Wänden bestehendes Kunstobjekt mit dem Titel „Day and Night“ von Peter Sedgley errichtet worden. Gedacht war diese Installation als Lichtobjekt, die Wände wurden von 16 Scheinwerfern nach einem festgelegten Farbprogramm beschienen, sie waren allerdings ständigem Vandalismus in Form von Graffiti ausgesetzt. Das Objekt erschien daher für die langfristige Platzgestaltung ungeeignet. Am 11.3.1992 kam bei der Bezirksverordnetenversammlung der Beschluss zur Auslobung eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbes für ein Mahnmal am Hermann-Ehlers-Platz zu Stande. Angedacht war ein Mahnmal bzw. eine Hinweistafel, die auf die Synagoge Düppelstraße 41 Bezug nehmen sollte. Der Wettbewerb wurde vom Kunstamt Steglitz und von seiner Leiterin Sabine Weißler durchgeführt. Federführend waren außerdem die Wettbewerbskoordinatoren Franziska Kirchner und Florian von Buttlar. Zur Jury gehörten u. a. Waldemar Otto (Vorsitz), Silvia Kluge, und Dr. Hermann Simon. Sieben Künstlerinnen un Künstler oder Künstlergruppen waren aufgerufen, Entwürfe abzugeben. Im Ausschreibungstext hieß es: „Das Kunstwerk soll (…) auf den „eigentlichen Ort“ verweisen, dessen augenblickliche Unzugänglichkeit verdeutlichen, die Brüche in seiner facettenreichen Geschichte augenfällig machen und die komplexe räumliche Situation auch und gerade in Verbindung mit der Marktplatznutzung als ideelle gestalterische Chance begreifen. Es soll die Erinnerung an die jüdische Bevölkerung in Steglitz und an die für unser Auge unsichtbare ehemalige Synagoge in uns lebendig halten, indem die „Absurdität“ der Situation verdeutlicht, die Hoffnung auf eine zukünftige direktere räumliche Verknüpfung jedoch nicht ganz verschüttet wird.“ (Ausschreibung S. 27) Am 21. Oktober 1992 erhielt der Entwurf „Spiegelwand“ den Zuschlag. Er entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Historiker Hans-Norbert Burkert (geb. 1936) und den Architekten Wolfgang Göschel (geb. 1940) und Joachim von Rosenberg (geb. 1936), die bereits 1988 einen Wettbewerbsentwurf mit dem Titel „Spiegeltunnel“ für das Mahnmal am Bahnhof Grunewald entwickelt hatten. Teil der Begründung der Jury war: „Der „eitle“ Blick in den Spiegel wird gebrochen durch die Konfrontation mit den Namen der Deportierten (…). Die Reaktion beim Betrachter kann vom Niederlegen eines Blumenstraußes bis zum Schmieren von Naziparolen reichen. Damit wird die Vergangenheit zum Spiegelbild der Gegenwart.“ Die Bemühungen um die Realisierung des Denkmals wurden in der Folgezeit erheblich durch eine öffentliche Kampagne gegen die Spiegelwand erschwert. Es begann ein langwieriger Diskussionsprozess. Auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung vom 16.6.1993 wurde der Text der Spiegelwand überarbeitet. Die Wand wurde gegenüber dem ersten Entwurf um 2 Meter gekürzt (auf 9 Meter). Einige Stadträte hatten sogar eine Verkürzung auf 7 Meter gefordert, waren aber überstimmt worden. Am 9.3.1994 fand eine Probeaufstellung statt. Die politische Gegenbewegung in Steglitz nahm zu. Die Realisierung konnte nur auf Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses gegen den Willen der Steglitzer Stadtverordnetenversammlung durchgesetzt werden. Das Denkmal wurde im Mai und Juni 1994 aufgestellt. Insgesamt 200.000 DM als Mittel für die Durchführung des Wettbewerbs zum Denkmal wurden aus dem Kunst-am-Bau-Programm des Senators für Bau- und Wohnungswesen ausgeben. (Susanne Kähler)

Verwendete Materialien

Chrom-Nickel-Stahl (Mahnmal) (Materialarchiv)
Beton (Mahnmal) (Materialarchiv)
Granit (Pflaster) (Materialarchiv)

Technik

hochpoliert (Spiegeltafeln)
Siebdruck-Fotoätzverfahren (Spiegeltafeln)

Inschriften

Inschrift (Siebdruck-Fotoätzverfahren)
Längskante der Südseite
»GEDENKEN«

Bezeichnung (Siebdruck-Fotoätzverfahren, Schreibschrift)
unterhalb der Inschrift GEDENKEN
»H.-N. Burkert / W. Göschel / J. Rosenberg«

Zustand

zerkratzt (Spiegelfächen, 2009), leicht und vereinzelt

Vollständigkeit

vollständig, gut


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