Deutsche Geschichte in 20 Bildern

Deutsche Geschichte in 20 Bildern

Foto: Lisa Sittig, 2019, CC-BY-4.0

Im U-Bahnhof sind in die Wandverkleidung 20 Kermaikbilder integriert. Eines der Keramikbilder thematisiert die „Bücherverbrennung“ 1933 auf dem Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz. Exemplarisch wird dieses Wandbild hier vorgestellt: Es besteht aus 352 Fliesen und ist in die Wand des U-Bahnhofs eingelassen. Das Bild zeigt drei große abstrakte Figuren in Brauntönen, ganz offensichtlich NS-Studenten in SA-Uniformen. Diese stehen vor einem hell lodernden Feuer. Die Figuren haben haben die Hände in einer Wurfbewegung nach oben gestreckt. In den Flammen ist der Umriss eines aufgeklappten Buches zu erkennen. Die Szene wirkt durch die Figuren und Feuer verschränkende Anordnung besonders agressiv. Der Hintergrund zeigt Braun-, Schwarz- und Grüntöne ohne bestimmte Formen. Auf der rechen Seite des Bildes zeichnet sich schemenhaft der Umriss einer weiteren Personen schwarz auf blauem Hintergrund ab, die ebenfalls das Feuer zu betrachten scheint. Unter dem Wandbild in der rechten Ecke befindet sich der Titel des Bildes auf den grünen Emailfeldern des U-Bahnhofs. Ein weiteres der Keramikbilder thematisiert das Kapitel „Berlin 1945“. Das Wandbild, bestehend aus 352 Fliesen, ist in die Wandverkleidung des U-Bahnhofs eingelassen. Es zeigt vier abstrakte, in Schwarz – und Grautönen gehaltene Figuren dar, die der Szene im Kontrast zur hellen und farbenreichen Umgebung einen düsteren Charakter verleihen. Die Körperhaltung der Figuren kann als trauernd, verzweifelt und desillusioniert gelesen werden. Es wird der Eindruck erweckt, dass die Figuren in sich zusammengesackt und voneinander isoliert den Boden betrachten, welcher, zusammen mit dem verschwommenen Hintergrund, der abwechselnd von harten und weichen Übergängen geprägt, von links nach rechts, beginnend bei blaugrauen Farbtönen, hin zu dumpfem Gelb, Grün und Braun, das zerstörte Berlin in abstrakten Formen, die im Detail als weitere Figuren, Feuer und beschädigte Architektur gedeutet werden können, darstellt. Die beiden linken Figuren scheinen, umgeben von einem blauen Schatten, andächtig zu trauern. Die beiden Figuren rechts sind aktiver in das sie umgebende Geschehen involviert, in gebeugter Haltung und mit nach unten greifenden Armen einer verhängnisvollen Situation, umgeben von Gelb – und Ockertönen, welche Flammen darstellen könnten, entkommen oder einem anderen helfen wollen. Ebenso können die beiden Figuren rechts auch als Trümmerfrauen gelesen werden, die grade begonnen haben, Steine, Schutt und Asche zu beseitigen. Im unteren Viertel des Wandbildes, rechts leicht versetzt zur Mitte, befindet sich auf schwarzem Grund, der in transparentem Weiß gehaltene Schriftzug, welcher zugleich der Titel des Bildes ist: „Berlin 1945“. Die Jahreszahl setzt unterhalb der Schrift an und verläuft schräg rechts nach oben. Ein weiteres Wandbild trägt den Titel „Friedensdemonstrationen“. Es besteht auch aus 352 Fliesen und ist in die Wandverkleidung des U-Bahnhofes eingelassen. Es stellt eine Gruppe aus großen abstrakte Figuren dar, die das Bild dominieren und sich durch dunkle Grautöne und Schwarz klar vom hellblauen Hintergrund abheben. Die Figuren strecken sich Richtung Himmel, drei von ihnen halten Tauben in den Händen. Die Figuren scheinen sich hoffnungsvoll aus abstrakten Trümmerteilen zu erheben und bilden durch ihre flächige Darstellung eine Einheit. In der unteren rechten Ecke des Wandbildes ist eine weitere Taube zusehen, die auf die Figuren zu fliegt. Unter dem Wandbild in der rechten Ecke befindet sich der Titel des Bildes in schwarz auf den grünen Fliesen des U-Bahnhofs (Kathrin Liebmann und Lina Luisa Sittig).

  Werkdaten

SchaffendeDatierung
Hornung, HartmutKünstler_In1985-1986
Maler und Graphiker
Frankenstein, WolfgangKünstler_In
Maler und Graphiker
VEB Elektrokeramik "Artur Winzer"Ausführende_R
Brennen der Keramik
VEB Fliesenleger BlankenfeldeAusführende_R
Verlegen der Keramikfliesen
Datierungshinweise
2003-2004 U-Bahnhof-Sanierung, Neubeschriftung unterhalb der Bilder
Objektgeschichte
Das Werk "Deutsche Geschichte in 20 Bildern" wurde zur Vorbereitung auf die 750-Jahresfeier Berlins 1987 um 1984/1985 in Auftrag gegeben. Die gefliesten Wandbilder wurden auf den ehemaligen Werbetafeln der Station angebracht. Das Werk ist eine Kooperation von Wolfgang Frankenstein und seinem ehemaligen Schüler Hartmut Hornung. Die geschaffenen Bilder wurden von vielen als düster wahrgenommen und passten nicht in das heroisierende Bild, dass die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) auf die Arbeiterbewegung hatte, weswegen die Bilder immer wieder Kritik ausgesetzt waren, so dass zeitweise sogar eine Beendigung des Auftrages vonseiten der SED angestrebt wurde. Hornung und Frankenstein weigerten sich jedoch. Sie wollten die Geschichte der Arbeiterbewegung nicht beschönigen und emotional realistisch darstellen. Durch die fortwährenden Probleme zwischen beiden Parteien kam es letztendlich zu keiner offiziellen Eröffnung des Werks, so dass die Beiden nur wenig Anerkennung für ihr Schaffen erhielten (vgl. Andreas Förster: "Klassenkampf im Untergrund", in: Berliner Zeitung vom 05.04.2019, S. 10). 2003-2004 wurde der U-Bahnhof saniert und die Wände mit grünlichen Metallplatten mit Emailbeschichtung verkleidet. Die Bildtitel der 20 Keramikbilder wurden unter die jeweiligen Bilder gemalt. Auch wurde eine - inhaltlich nicht ganz korrekte - Beschriftung zum ganzen Zyklus an der Wand angebracht (Kathrin Liebmann u. a. auf der Grundlage eines Interviews mit Hartmut Hornung 2019). Im Berliner U-Bahnhof Magdalenenstraße befinden sich, in die Wände eingelassen, 20 Wandbilder, welche die deutsche Geschichte der Arbeiterbewegung illustrieren. Der offizielle Titel der Bilder lautet „20 Wandbilder zur Deutschen Geschichte“. Die Künstler Wolfgang Frankenstein und Hartmut Hornung nahmen sich dabei eines künstlerischen Großprojekts an, welches inhaltlich von einer politischen sowie historischen Natur geprägt ist und sich nahtlos in das Berliner Stadtbild einfügt. Der 1930 eröffnete und von Alfred Grenander entworfene U-Bahnhof wurde im Jahr 1945 kriegsbedingt kurzzeitig geschlossen. Nach der Wiedereröffnung, im gleichen Jahr, siedelten sich in der näheren Umgebung zahlreiche Neubauten an, wie zum Beispiel das Ministerium für Staatssicher-heit der DDR (vgl. Förster, 2019: 10). Anfang der 1980er Jahre beschloss der Ost-Berliner Magistrat, anlässlich des 750-Jahre-Berlin Jubiläums (1987) und des elften Parteitages der SED (1986), mehrere U-Bahnhöfe umzugestalten und mit Wandbildern auszustatten. Um dieses Vorhaben zu realisieren, wurde ein Wettbewerb ausge-schrieben, wonach jedem U-Bahnhof wurde ein konkretes Thema zugeteilt, in der Magdalenen-straße sollte die deutsche Geschichte der Arbeiterbewegung dargestellt werden. Infolgedessen reichten Hartmut Hornung und Wolfang Frankenstein erste, noch sehr grobe und unspezifische, Skizzen ein und erhielten schließlich den Auftrag für die ausgeschriebenen Wandbilder (vgl. telefonische Auskunft des Bildhauers Hartmut Hornung an die Verfasserin am 05.08.2019). Frankenstein und Hornung einigten sich zu Beginn des Projektes darauf, dass die gemeinsame Zusammenarbeit von höchster Priorität ist und dass es den zukünftigen Betrachtern nicht möglich sein sollte, eine der beiden künstlerischen Handschriften an den Wandbildern ablesen zu können. Die ersten Entwürfe schickten sich die beiden Künstler noch zu und zeichneten in die Skizze des anderen hinein, bis die dabei entstandenen Motive den Vorstellungen der Künstler entsprachen. Die nächste Arbeitsphase, die sich über ein Jahr erstrecken sollte, spielte sich zwischen Berlin Treptow, im Atelier Hartmut Hornungs und Berlin Pankow, dem Standort der Brennerei VEB Elektrokeramik „Artur Winzer“, ab. Im Atelier wurde ein schräges Gestell aufgebaut, in das die Blankofliesen gelegt wurden, welche dann von Frankenstein und Hornung bemalt wurden. Im Anschluss waren zwei Transportautos nötig, um ein Bild nach Pankow, zum Brennen, zu befördern (vgl. telefonische Auskunft des Bildhauers Hartmut Hornung an die Verfasserin am 05.08.2019). Im fortlaufenden Arbeitsprozess nahm der Senat nun eine kritische Haltung dem entstehenden Werk gegenüber ein und versuchte zunächst die Arbeit der Künstler durch einen Bestechungsversuch zu beenden. Frankenstein und Hornung wurde das volle Honorar von 100 000 Mark angebo-ten, wenn sie ihre Arbeit unumgänglich einstellen würden. Die Künstler lehnten ab, woraufhin Arbeitsbehinderungen in Form von fehlenden Genehmigungen oder nicht eingehalten Termine folg-ten, die den Arbeitsprozess wesentlichen erschwerten. Um die Umsetzung der Wandbilder zu retten, schrieb Frankenstein einen Brief an Kurt Hager, ein Mitglied des Zentralkomitees der SED mit großem Einfluss auf die Kultur- und Bildungspolitik. Eine Antwort auf diesen Brief erhielt Frankenstein nie, jedoch traten keine weiteren Arbeitsbehinderungen auf und die Wandbilder konnten fertiggestellt werden. Die letztendliche Anbringung der 20 Wandbilder nahm einen weiteren Monat Arbeit in Anspruch. Die Fliesenleger (VEB Fliesenleger Blankenfelde) konnten nur nachts, zwi-schen 00:00 und 04:00 Uhr, arbeiten, da in diesem Zeitraum keine U-Bahnen fuhren. Pro Schicht konnten so drei Viertel eines Wandbildes im U-Bahnhof, an die Mörtelbetten, angebracht werden (vgl. telefonische Auskunft des Bildhauers Hartmut Hornung an die Verfasserin Lina Luisa Sittig am 05.08.2019).
Maße
je BildHöhe3 m
je BildLänge4 m
Verwendete Materialien
Keramik, Spaltkeramik
Klinker, Spaltklinker
Mörtel, Bett der Fliesen
Glasur, Aufglasur
Technik
bemalt
gebrannt, bei 800 C°
glasiert
verlegt
Inschriften
Inschrift (gemalt)
unterhalb des Fliesenbildes rechts
BÜCHERVERBRENNUNG
Inschrift (gemalt)
unterhalb des Fliesenbildes rechts
BERLIN 1945
Inschrift (gemalt)
unterhalb des Fliesenbildes rechts
FRIESENSDEMONSTRATION
Inschrift (gemalt, glasiert, gebrannt)
im Fliesenbild unten links
BERLIN 1945
Inschrift (gemalt)
auf der Wandverkleidung des U-Bahnhofes
Wolfgang Frankenstein / Hartmut Hornung / GESCHICHTE IN 20 BILDERN / Porzellanfarben auf Spaltklinker / Eingeweiht, 1986 / Förderer, Magisztrat von Berlin
ZustandZeitpunkt
saniert, 2003-20042019
Vollständigkeit
vollständigim Zustand von 2003-2004

  Nachweise

  • Claußnitzer, Gert: Wolfgang Frankenstein : Malerei u. Grafik ; mit Schriften d. Künstlers, Briefen u. Meinungen, Dresden, 1978, S. 221-222.

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