Pietà

Pietà

Foto: Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz, 2020, CC-BY-4.0

Die Pietà steht innerhalb der Kapelle leicht erhöht, auf einer Stufe, vor einer Wandnische mit bogenförmigem oberen Abschluss. Die Nische ist zentral in ein schmales Wandstück eingelassen, das den hinteren Teil der Kapelle abschirmt. Die dunkel patinierte Bronzeplastik stellt Maria als Mater Dolorosa dar, die den leblosen Körper ihres vom Kreuz abgenommenen Sohnes Jesus Christus in ihrem Schoß hält. Maria ist auf einem Block sitzend dargestellt, ihr Gesicht und ihre Körperhaltung sind von Schmerz gezeichnet, der Körper ihres Sohnes liegt schwer und zusammengesackt in ihren Armen. – Die Wandnische scheint für das Werk zu klein zu sein (Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz).

  Werkdaten

SchaffendeDatierung
Brandenburg, PaulKünstler_In1980
Objektgeschichte
Der zweite Friedhof der Gemeinde Reinickendorf wurde im 19. Jahrhundert angelegt und 1870 in Benutzung genommen als der alte Friedhof an der Dorfkirche Alt-Reinickendorf aufgrund des raschen Bevölkerungsanstiegs nicht mehr ausreichte. Die Kapelle wurde um 1905 erbaut.1950 wurde der Friedhof für Erdbestattungen und 1955 für Urnenbeisetzungen geschlossen. Als 1975 alle Fristen und Nutzungsrechte abgelaufen waren, begann das Bezirksamt Reinickendorf mit der Umgestaltung zu einen „Ehrenfriedhof der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Für die Einrichtung dieses Ehrenfriedhofs wurde nahezu der gesamte Bestand des ältesten kommunalen Reinickendorfer Friedhofes abgetragen. Erhalten blieben nur das Ehrengrab des Reinickendorfer Bürgermeisters Friedrich Wilke und seiner Frau sowie das monumentale Grabmal der Familie Süss vom Ende des 19.Jh. Im Gegensatz zu zivilen Gräbern können Kriegsgräber nicht eingeebnet werden, sie haben entsprechend internationalem Recht dauernden Bestand. Die heutige Kriegsgräberstätte am Freiheitsweg gehört mit etwa 1ha Größe zu den kleineren Friedhöfen dieser Art. Hier liegen Opfer beider Weltkriege, davon sind etwa die Hälfte zivile Opfer. Mit der Umwidmung des Friedhofs wurde 1980 auch die Friedhofskapelle umgestaltet: „Um das Gebäude von allen Seiten begehbar zu machen, wurden sämtliche Holzfenster und Türen herausgenommen. Die Brüstung der Fensteröffnungen wurde bis zur Oberkante des Fußbodens herausgebrochen. Auf diese Weise wurden Türöffnungen geschaffen und mit schmiedeeisernen Gittern versehen.“ In diesem Zusammenhang erhielt Paul Brandenburg den Auftrag zur Schaffung der Pietà für die seitdem zu mahnen- dem Totengedenken genutzte Stätte. Der 1930 in Düsseldorf geborene Bildhauer Paul (Bernhard Maria) Brandenburg zog 1937 mit seiner Familie nach Leipzig. Als ihm nach einer Lehre als Steinbildhauer, 1948-1951, die Aufnahme an der Leipziger Kunstakademie aus politischen Gründen verwehrt blieb, siedelte er 1952 nach West-Berlin, um Bildhauerei zu studieren: Zunächst, 1952-1954, an der Meisterschule für Kunsthandwerk und im Anschluss, 1954-1957, an der Hochschule für Bildende Künste bei Paul Dierkes. Paul Brandenburg schuf zahlreiche abstrakte, „vegetativ-dynamische“ (AKL 1986, Bd.13, S. 610), symbolhafte Skulpturen und Plastiken mittels derer er eine „enge Verknüpfung der statischen Komponenten mit dem Begriff des Dynamischen“ und auch des Weltlichen mit dem Göttlichen erzeugte. Zur Realisierung seiner Werke unterhielt er verschiedene Ateliers für Steinmetzarbeiten (bei Würzburg), Bronzearbeiten (am Niederrhein) und Modellierungen (Berlin). Schon früh erhielt Brandenburg erste Aufträge von der katholischen Kirche und obschon er auch zahlreich säkulare Werke entwickelte, bilden kirchliche Arbeiten den Hauptteil seines Œvres. So war er an der Ausgestaltung von über 140 Kirchen beteiligt und wirkte auch in Reinickendorf an der Ausstattung von vier Kirchen mit, wie beispielsweise St. Geneviève in der Cité Foch (Kirche wurde abgerissen), St. Marien in der Klemke Straße (Reinickendorf) oder St. Hildegard in Frohnau. Dennoch schuf er auch zahlreiche säkulare Arbeiten, zu denen in Reinickendorf u.a. die Objekte „Gespaltene Kugel“, „Vier-Elemente-Säule“ und ein Terrassenbrunnen für die Karl-Bonnhoeffer-Nervenklinik zählen. Außerhalb Reinickendorfs finden sich noch weitere Brunnengestaltungen des Künstlers im Berliner öffentlichen Raum, wie der „Drei Säulen Brunnen“ in Wedding (1981), „Steinskulptur und Brunnen“ in Tempelhof (1983) oder der Terrassenbrunnen in Schöneberg (1987/88). Für die Kapelle am Freiheitsweg schuf er 1982 auch noch eine Ablage für das Totenbuch aus Muschelkalkstein. Helmut Börsch-Supan schrieb zu den sakralen Werken Paul Brandenburgs: „Ein Künstler kann [...] wie ein Gärtner nahe dem Boden und unabhängig von starken Kräften in mühevoller Arbeit einen Raum gestalten, der dem Menschen die Sinne für andere als seine persönlichen Botschaften öffnet. In solchem Fall ist der Künstler Mittler und verbindet den natürlichen Stolz auf das Geschaffene mit der Demut des Dienenden. [...] Werke von Paul Brandenburg sucht man vergeblich auf den üblichen Ausstellungen. Seine Kunst dient. Sie hat ihren Boden in der Kirche.“ (Börsch-Supan, Helmut: Paul Brandenburg [...], in: Das Münster 1986, Heft 4, S. 301) (Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz).
Maße
Höhe2.2 m
Breite0.7 m
Tiefe0.85 m
Verwendete Materialien
Bronze, dunkel patiniert
Technik
gegossen
ZustandZeitpunkt
gut2020

  Nachweise

  • Bezirksamt Reinickendorf von Berlin: Friedhöfe in Berlin Reinickendorf, Heft 1, Berlin, 2002, S. 15.
  • Börsch-Supan, Helmut: Paul Brandenburg. Skulpturen für die Liturgie, 1986, S. 301 ff. .
  • Ehmann, Horst: Berlin: Kunst im Stadtraum, Begleitheft, S. 28.
  • Meißner, Günter: Allgemeines Künstlerlexikon Print + Online, München, 2010, S. Bd.13, 1996, S.610.
  • Schlickeiser, Klaus: Entdecken Sie Reinickendorf. Spaziergänge in Reinickendorf. Teil 1: Alt Reinickendorf und Residenzstraße, Berlin, 2006, S. 15.

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