Denkort Friedhof Hohenschönhausen (Spezial-Lager-Nr. 3)

Denkort Friedhof Hohenschönhausen (Spezial-Lager-Nr. 3)

Foto: Nicola Vösgen, 2019, CC-BY-4.0

Den Zugang zu dem DenkOrt auf dem städtischen Friedhof Hohenschönhausen bildet ein von 2,30 Meter hohen sägerauhen Eichenbalken eingefasstes U-förmiges Eingangslabyrinth in der Ferdinand-Schultze-Straße, direkt neben dem eigentlichen Friedhofseingang. Auf einer gusseisernen Tafel am Eingang vermittelt eine ausführliche Erklärung den Anlass für die Errichtung des „DenkOrtes“. Über einen Weg, der im äußeren Bereich des eigentlichen Friedhofes verläuft, gelangt man zu dem eigentlichen „DenkOrt“ auf einer leicht abfallenden Wiese im südlichen Friedhofsbereich. Hier befindet sich das »DenkSteinFeld«, auf dem zahlreiche Findlinge in unterschiedlichen Größen, Farben und Formen, die die ungezählten, anonymen Toten symbolisieren sollen. Ein großer Findling mit einer gusseisernen Tafel liegt direkt am Weg und trägt eine erklärende Inschrift. Zwischen den unbearbeiteten Findlingen sind einige kleine Steine mit individuellen Inschriften zum Gedenken an einzelne Verstorbene zu finden (Nicola Vösgen).

  Werkdaten

SchaffendeDatierung
Höhne, ManfredKünstler_In1998
Tholl, RobertBeteiligte_r
Kritzler & PauligBeteiligte_r
Datierungshinweise
Einweihung am 24.10.1998
Objektgeschichte
Nachdem Hohenschönhausen am 22. April 1945 von den sowjetischen Streitkräften eingenommen worden war, sind in den folgenden Wochen zahlreiche Gebäude und Fabrikanlagen beschlagnahmt worden. Laut sowjetischem Befehl 00315 vom 18. April 1945 sollten Spione, Saboteure, Terroristen, frühere Mitglieder der NSDAP oder Gestapo, Polizei- und Geheimdienstangehörige, Verwaltungsbeamte und andere “feindliche Elemente” verhaftet werden. Teilweise waren es aber auch Denunziationen, die zu Verhaftungen führen konnten, wie z.B. bei dem bekannten Schauspieler Heinrich George, der zunächst im Lager in Hohenschönhausen inhaftiert war und nach seiner Überführung in das Lager Sachsenhausen im September 1946 an den Folgen der Haft starb. Auch ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter waren unter den Gefangenen. Seit Anfang 1946 wurden zunehmend auch Kritiker der sowjetischen Besatzungsmacht und der SED nach Hohenschönhausen eingewiesen. Um die zahlreichen Häftlinge internieren zu können, wurde im Mai 1945 auf Befehl des NKWD (Moskauer Volkskommissariat für Inneres) die Gebäude in der Genslerstraße 66, in denen sich seit 1939 eine Großküche der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) befunden hatte, beschlagnahmt. In dem leer stehenden Gebäudekomplex und einigen Baracken, zwei ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagern, wurde ein Lager eingerichtet - das Speziallager Nr. 3, das als Sammel- und Durchgangslager für über 16.000 Männer, Frauen und Jugendliche diente. Von hier aus erfolgten Transporte in die Speziallager nach Ketschendorf, Weesow und in das ehemalige KZ Sachsenhausen. Die Lebensbedingungen in diesem, wie auch in allen anderen Speziallagern, waren katastrophal. Auf engstem Raum waren zeitweise bis zu 4.200 Menschen zusammengepfercht. In den unbeheizten Räumen waren sowohl die hygienischen Verhältnisse, wie auch die Verpflegung und die medizinische Versorgung unzureichend. Nach Berechnungen der Gedenkstätte Höhenschönhausen kamen hier ca. 1.000 Menschen ums Leben (andere Schätzungen vermuten 3000 bis 3500 Tote), deren Leichen anonym in Massengräbern auf einem Schuttabladeplatz verscharrt wurden. Im Oktober 1946 wurde das Speziallager Nr. 3 aufgelöst und die Gefangenen in die Speziallager Sachsenhausen oder Buchenwald verlegt. Danach nutzte der KGB die Gebäude als Untersuchungsgefängnis und seit 1951 die Stasi. Erst nach der Wende wurden bei Suchgrabungen die Gebeine einiger der in dem Speziallager Nr. 3 zu Tode Gekommenen gefunden. Am 27. Oktober 1995 sind die sterblichen Überreste von zunächst 127 namenlosen Toten auf der Wiese des Städtischen Friedhofes Schönhausen bestattet worden. Ende 1995 legte der Diplom-Designer und Bezirksamtsmitarbeiter Manfred Höhne, dessen Vater 1945/1946 in dem Speziallager 3 inhaftiert war und über diese Erfahrung jahrzehntelang geschwiegen hatte, dem Bezirksamt einen Entwurf für die Gestaltung diees Massengrabes als eine würdige Gedenkstätte vor. Laut seinem Konzept soll das Zugangslabyrinth „an die ausweglose Situation der im Lager untergebrachten Menschen“ erinnern, die Gestaltung des Labyrinths orientiert sich an einem Originalfoto des Lagers. Nach Genehmigung des Entwurfes durch die BVV begann Höhne Anfang 1998 mit der Umsetzung des Entwurfs, sein Mitarbeiter war der Architekturstudent Robert Tholl (Pfister, Claudia: "Ein Labyrinth führt zum Denksteinfeld", in: Berliner Morgenpost, 17.06.1998). Über die Idee des Steinfeldes schreibt Höhne „Keinem der auf dem DenkOrt liegenden Steine ist seine Herkunft anzusehen. Sie fügen sich unspektakulär zu einem einheitlichen Bild, die großen, die kleinen, die Masse der durchschnittlichen. … Die völlige Anonymität der gesamten Anlage ist gestalterische Absicht. Es sollen weder Namen noch religiöse oder weltanschauliche Symbole zu finden sein“ (Höhne, S. 43). Laut dem Konzept soll das DenkSteinFeld begehbar sein und zum Ablegen weiterer Steine einladen. Die äußeren großen Findlinge markieren die Lage des eigentlichen Gemeinschaftsgrabfeldes. Bezüglich der weiteren Pflegemaßnahmen beschreibt der Autor: „Auf eine besondere Aufhügelung und Bepflanzung wurde bewußt verzichtet. Es sollte im guten Sinne und ohne das Geschehene zu vergessen ‚Gras darüber wachsen‘, …“ (Höhne, S. 43). Der "DenkOrt" ist am 24. Oktober 1998 durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, feierlich eingeweiht worden. Bei weiteren Grabungen wurden weitere 132 Gebeine der im Speziallager Nr. 3 Verstorbenen freigelegt, die 1999 ebenfalls hier bestattet wurde. Das nach mehrjähriger Recherchearbeit entstandene Totenbuch der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen konnte bislang die Namen und weitere biografische Angaben von 702 Verstorbenen dokumentieren. Der "DenkOrt" ist eine offene, nicht abgeschlossene Anlage. Jedes Jahr findet am 24. Oktober eine Gedenkveranstaltung statt. Die Anlage wird seit 1999 von angehenden Gärtnern des Sonderpädagogischen Förderzentrums an der Doberaner Straße gepflegt (Nicola Vösgen).
Maße
GesamtFläche1300 qm
Tafel vorneHöhe0.66 m
Tafel vorneBreite0.46 m
Tafel FindlingHöhe0.4 m
Tafel FindlingBreite0.6 m
Verwendete Materialien
FindlingGranit
TafelGusseisen
BohlenHolz
Technik
Findlingbearbeitet
Tafelgegossen
Holzgesägt
gesamtzusammen gefügt
Inschriften
Tafel (gegossen, appliziert)
am Eingang an der Bohlenwand
DenkOrt / Hohenschönhausen / Unweit dieses Ortes / - an der Genslerstraße 66 - befand sich von Mai 1945 bis Oktober 1946 / das sowjetische Speziallager Nr. 3 / des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD). // In dieser Zeit waren dort etwa 20 000 Menschen inhaftiert. / Bislang ist nicht bekannt, wie viele von ihnen / an den Folgen der Haftbedingungen, an Krankheit und Hunger starben. // Ihre Zahl wird auf mindestens eintausend bis mehrere Tausend geschätzt. / Die Toten wurden damals in unmittelbarer Nähe des Lagers / an unbezeichneten Stellen vergraben. // Die bei den ersten Suchgrabungen / aufgefundenen Reste der Gebeine von 127 Toten / wurden am 24. Oktober 1995 auf diesem Friedhof bestattet. / Berlin, im Oktober 1998
Inschriftenplatte (gegossen, appliziert)
Findling
Den Toten / des Speziallagers Nr. 3 / des sowjetischen Geheimdienstes / NKWD / Berlin-Hohenschönhausen 1945-46 / 24.10.1995
ZustandZeitpunkt
Holzbohlenbeschmiert, leicht2019
Tafelzerkratzt, teilweise2019
Farbeabgeblättert, teilweise2019
Schraubenverloren, zwei Abdeckungen2019
Vollständigkeit
vollständig

  Nachweise

  • Mende, Hans-Jürgen: Lexikon Berliner Begräbnisstätten, Berlin, 2018.
  • Förderverein Schloss Hohenschönhausen: Hohenschönhausen gestern und heute, Berlin, 2005, S. 39-44.
  • Kaminsky, Anna: Orte des Erinnerns: Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR, Berlin, 2016, S. 76.

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