Blutmauer

Blutmauer

Rote Mauer, Gedenkstätte für 8 im März 1919 ermordete Spartakuskämpfer und 3 Rote Matrosen
Foto: Nicola Vösgen, 2019, CC-BY-4.0

Klinkerwand mit zwei Tafeln. Betritt man den Rathauspark vom südlichen Eingang an der Möllendorffstraße (der Name lautete von 1976 bis 1990 Jacques-Duclos-Straße) befindet sich die „Blutmauer“ südlich des Weges. Die lange Mauer aus Klinkersteinen mit vorspringendem Mittelteil und etwas abgesenkter Höhe an den äußeren Enden, besteht in den unteren ca. 2/3 aus älteren, im oberen Drittel aus modernen Klinkersteinen. In der Mitte der Mauer ist mit einzelnen Metallbuchstaben die Inschrift: HIER WURDEN 11 SPARTAKUSKÄMPFER IM MÄRZ 1919 ERMORDET appliziert. Darunter befinden sich zwei rechteckige Metalltafeln. Alle Namen sind in schwarzer Schrift auf messingfarbenen Metalltafeln aufkaschiert. Aufgrund der Baumaßnahmen der Howoge auf dem direkt hinter der Blutmauer liegenden Gelände Frankfurter Allee / Möllendorffstraße, waren im August 2019 bereits drei oder vier Klinkersteine an der linken Seite des Mauerabschlusses verloren (Nicola Vösgen).

  Werkdaten

SchaffendeDatierung
UnbekanntKünstler_In1920
der Ersteinrichtung 1920 und der ersten Nachkriegsgestaltung 1945-1954
Füssel, HansKunstschmied_In1945-1954
der Neugestaltung 1978
Kobbert, ErwinBeteiligte_r1958-1959
der Nachkriegsgestaltung 1958-1959
Datierungshinweise
1978 Neugestaltung der Anlage; 2018-2019 grundlegende Sanierung
Objektgeschichte
Die Novemberrevolution 1918 hatte die Endphase des Ersten Weltkrieges eingeleitet, führte zur Ausrufung der Republik am 09. November 1918 in Berlin und kurze Zeit später zur Abdankung des Kaisers. Nach der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar und der Regierungsbildung am 13. Februar kam es ab Februar 1919 in mehreren Industrie- und Bergbauregionen Deutschlands zu Generalstreiks und bewaffneten Auseinandersetzungen. Seit dem 03. März 1919 war in Berlin der Ausnahmezustand verhängt, da sich der Generalstreik der KPD zu einem bewaffneten Aufstand ausgeweitet hatte. Kurz darauf kam eine Falschmeldung in Umlauf, dass Spartakisten in Lichtenberg ein Polizeirevier überrannt und 60 Beamte bestialisch ermordet hätten. Aufgrund dieser Meldung erließ Reichswehrminister Gustav Noske den Standrechtsbefehl, nach dem jeder der Aufständischen, der eine Waffe trug, sofort von Regierungstruppen und Freikorps zu erschießen sei. Lichtenberg wurde einer der zentralen Schauplätze für die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe.. Neben Erschießungen auf der Straße kam es auch zu Festnahmen. Im Gasthof „Schwarzer Adler“ in der Frankfurter Allee wurden die Beschuldigten im Schnellverfahren von einem Militärgericht verurteilt und mindestens elf der Aufständischen wurden am 12. und 13. März 1919 vor der südlichen Grenzmauer des damals noch bestehenden Friedhofes an der Möllendorffstraße standrechtlich erschossen. Ihre sterblichen Überreste wurden auf dem Friedhof Marzahn verscharrt. Die Tafeln der Gedenkstätte „Blutmauer“ tragen die Namen der namentlich bekannten acht Ermordeten und erinnern an die Berliner Märzkämpfe, denen amtlichen Unterlagen zufolge mehr als 1.200 Menschen zum Opfer fielen. Willi Wohlberedt beschreibt die kurz darauf angelegte Gedenkstätte folgendermaßen: „Nahe dem Eingange zum Friedhof von der Möllendorffstraße befand sich seit Juni 1920 an dem breiten Giebel, rechter Hand, des benachbarten Wohnhauses in geringer Höhe eine schlichte Tafel mit der Inschrift: ‚Dem Andenken der durch die Reichswehr am 12. u. 13. März 1919 standrechtlich erschossenen Opfer.‘ Diese Tafel wurde 1933 entfernt, im Jahre 1945 wieder erneuert, aber von ruchlosen Händen nochmals zerstört.“ (Wohlberedt, Willi: "Verzeichnis der Grabstätten bekannter und berühmter Persönlichkeiten in Gross-Berlin und Potsdam mit Umgebung", IV. Teil, Berlin 1952, S. 379). Am 11. März 1954 wurde erneut eine Gedenktafel zu Ehren der Opfer der Märzkämpfe eingeweiht (Goßweiler, Kurt: "Die Märzkämpfe 1919 in Berlin", in: Neues Deutschland, 9. Jg., 11.03.1954, S. 4). Es handelte sich um eine hochrechteckige helle Tafel, auf der in dunklen Buchstaben „Dem Andenken / der 11 erschossenen / Kämpfer von 1919 / Sie kämpften gegen den / imperialistischen Krieg / und starben für uns“ gedacht wurde ("Das Andenken der Revolutionäre von 1918/19" (o.V.), in: Lichtenberger Echo, 2. Jg., Nr. 22/1958, 22.11.1958, (Foto), o.S.). Im November 1958 wurde über die Planungen zur Umgestaltung der Mauer zu einer würdigen Gedenkstätte bis März 1959 berichtet. In diesem Zusammenhang stand auch zur Diskussion, dass der ehemalige Friedhof in „Platz der Spartakuskämpfer“ umbenannt werden sollte ("Empfehlung an Magistrat: 'Platz der Spartakuskämpfer'“, in: Lichtenberger Echo, 2. Jg., Nr. 21, 01.11.1958). Am 12. März 1959 wurde die von Erwin Kobbert „neugestaltete Gedenkstätte an der alten Friedhofsmauer in der Möllendorffstraße“ eingeweiht (L.E.: "Militarismusopfer mahnen!", in: Lichtenberger Echo, 3. Jg., 15.3.1959, S. 1). Auf der Mauer stand in einzelnen Buchstaben der Satz: HIER WURDEN 11 SPARTACUSKÄMPFER IM MÄRZ 1919 ERMORDET. Darunter waren die Namen der acht Ermordeten in einzelnen Buchstaben auf die Mauer appliziert sowie: 3 UNBEKANNTE MATROSEN (a.a.O.). 1978 wurden die Gedenkstätte von dem Bildhauer und Bronzegießer Hans Füssel nochmals neu gestaltet. Der oben stehende Schriftzug „HIER WURDEN 11 SPARTAKUSKÄMPFER IM MÄRZ 1919 ERMORDET“ wurde beibehalten. Neu waren die beiden Tafeln aus bronziertem Aluminiumguss, auf denen die Namen der Verstorbenen in erhobener Schrift standen. Auf der linken Tafel waren genannt: FRITZ GAST / ALBERT GAST / ERICH RENK / 3 UNBEKANNTE MATROSEN. Auf der rechten Tafel: RUDOLF LEBEDE / GEORG PORMANN / GUSTAV SCHNICK /JULIAN KUKLINSKY / KARL FRIEDRICH. Ende 2018 wurde mit der Sanierung der Blutmauer begonnen, die zum 100-jährigen Gedenken an die Kämpfe im März 2019 fertiggestellt sein sollte (Stein, Paul: "Die Tafeln sind zur Restaurierung abgenommen", in: Berliner Woche, 04.09.2018). Heute steht derselbe Text wie zuvor auf zwei goldfarbenen Metalltafeln mit aufkaschierter Schrift. Allerdings ist die Reihenfolge der beiden Tafeln vertauscht und der Matrose Erich Renk heißt seitdem Erick. Laut Information der Unteren Denkmalschutzbehörde wurden aufgrund der Baumaßnahmen der Howoge auf dem Gelände Frankfurter Allee / Möllendorffstraße, das direkt hinter der Blutmauer liegt, die Bronzebuchstaben und -tafeln von Hans Füssel im Rathaus Lichtenberg eingelagert und sollen nach Abschluss der Baumaßnahmen neu montiert werden. Die aktuell vorhandenen Tafeln sind anlässlich des 100-jährigen Gedenkens an die Kämpfe im März 2019 angebracht worden und stellen nur eine temporäre Zwischenlösung dar. Die direkt gegenüberstehende Gruppe „Erben der Spartakuskämpfer“ der Bildhauerin Emeritá Panowova nimmt direkten Bezug auf die Blutmauer (Nicola Vösgen).
Maße
MauermitteHöhe2.6 m
MauermitteLänge1.78 m
Verwendete Materialien
Klinker
Metall
Farbe
Technik
gemauert
gegossen
appliziert
Inschriften
Inschriftentafeln (angebracht)
an der Mauer
(auf der linken Tafel:) RUDOLF LEBEDE / GEORG PORMANN / GUSTAV SCHNICK /JUKIAN KUKLINSKY / KARL FRIEDRICH / (auf der rechten Tafel:) FRITZ GAST / ALBERT GAST / ERICK RENK / 3 UNBEKANNTE MATROSEN
ZustandZeitpunkt
abgebaut, teilweise2019
beschmiert2019
Vollständigkeit
unvollständigprovisorische Gestaltung

  Nachweise

  • Wohlberedt, Willi: Verzeichnis der Grabstätten bek. und ber. Persönlichkeiten, IV, 1952, S. 379.
  • Endlich, Stefanie: Skulpturen und Denkmäler in Berlin, Berlin, 1990, S. 258.
  • Brösicke-Istok, Sylvia: Plastiken, Denkmäler und Brunnen im Bezirk Lichtenberg, Berlin, 1993, S. 27.
  • Maur, Hans: Mahn-, Gedenk- und Erinnerungsstätten der Arbeiterbewegung in Berlin-Lichtenberg, Berlin, 1982, S. 15-16.
  • Hübner, Holger: Das Gedächtnis der Stadt. Gedenktafeln in Berlin, Berlin, 1997.

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