Relief-Tondos

Relief-Tondos

Foto: Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz, 2020, CC-BY-4.0

Auf dem Friedhofsgelände befinden sich zwei Bildreliefs der ehemaligen Wiener Brücke: Eines (A) der Nähe des Einganges Sandhauser Straße, beim Hauptweg. Das andere (B) befindet sich bei einer kleinen Platzanlage.Die zwei Tondos von Wilhelm Wandschneider und Aurelio Micheli sind große kreisförmige Bildhauerarbeiten. Die detailreichen Hochreliefs behandeln Motive aus dem Gigantenfries des Pergamon-Altars, die Szenen des dramatischen Kampfes der griechischen Götter mit den Giganten zeigen. Zur Aufstellung der in drei Teilen zerlegten Reliefs sind sie in ausgreifenden Steinquadern eingelassen. Sie zeigen jeweils ein Kampfpaar des Frieses als Kopie mit ergänzenden Nachbildungen der im Original fehlenden Teile. Die Figuren sind aus rotem Miltenberger Mainsandstein modelliert.
Das Relief (A) ist Hauptbestandteil einer Gedenkstätte, die den Opfern des Zweiten Weltkriegs gewidmet ist. Es zeigt eine Kampfszene des Ostfrieses – die Tötung des Giganten Alkyoneus durch Athena, die pergamenische Stadtgöttin. Die Darstellung der Kampfszene konzentriert sich auf Alkyoneus und Athena, wobei das fehlende Gesicht der Athena nachgebildet ist. Nicht dargestellt sind Nike, die Siegesgöttin, die mit Athena zusammen kämpft, sowie Gaya, die Mutter des Giganten. So zeigt die originelle Szene eigentlich, wie Athene den Giganten Alkyoneus vom Boden trennt, aus dem die Mutter der Giganten, Gaia, auftaucht. „Alkyoneus war der Sage nach solange unsterblich, wie er mit dem Erdboden verbunden blieb, wo er von der Kraft seiner Mutter durchströmt wurde.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Pergamonaltar).
Das zweite Relief-Tondo (B) befindet sich abseits vom Hauptweg bei einer kleinen Platzanlage. Es zeigt die Kampfszene einer Göttin gegen einen gepanzerten Giganten, die ein von Schlangen umwundenes Gefäß schleuderbereit in der Hand hält und auf ihren Gegner zielt. Bei der Figur könnte es sich um Klotho handeln, eine der drei Moiren, Göttinnen des menschlichen Schicksals. Neuere Deutungen sehen in der Göttin eher eine der drei Erinnyen, vielleicht Alekto. Bei dieser Kampfszene haben sich der gepanzerte Gigant und die große Schlange nur in Teilen erhalten. Sie sind Nachschöpfungen von Wilhelm Wandschneider (Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz).

  Werkdaten

SchaffendeDatierung
Wandschneider, WilhelmKünstler_In1895
Micheli, Carl AureliusBildhauer_In
Datierungshinweise
Aufstellung auf dem Friedhof Heiligensee nach 1945
Objektgeschichte
Die beiden Relief-Tondos wurden nach 1945 auf dem Friedhof Heiligensee aufgestellt. Sie schmückten einst die Stirnseiten der 1895 erbauten Wiener Brücke in Berlin-Kreuzberg, die im Zuge der Wiener Straße über den Landwehrkanal führte. Die Brücke war anlässlich der Berliner Gewerbeausstellung in Berlin-Treptow 1896 zur Entlastung der Schlesischen Brücke errichtet worden. Für den Bauschmuck der repräsentativen Bogenbrücke wählte der Berliner Magistrat Motive vom Pergamonaltar, der einige Jahre zuvor von deutschen Archäologen ausgegraben und zur Sicherung nach Berlin gebracht worden war. Hier wurden zunächst Teile im Alten Museum gezeigt und unter großer Anteilnahme wurden Fragen der Ergänzung der fragmentarischen Skulpturen der Altarfriese diskutiert. Aus rotem Miltenberger Mainsandstein wurden vier Relief-Tondos für die Stirnseiten, die Kampfszenen aus dem Gigantenfries des Pergamonaltars wiedergeben sowie zwei Schlusssteine des Brückenbogens, die antike Kriegshelden darstellten. Die bildhauerischen Arbeiten übernahm u.a. Wilhelm Wandschneider. Von diesem sind zwei Tondos erhalten, die zum Friedhof Heiligensee kamen. Da die Kampfszenen nur fragmentarisch erhalten waren, mussten die fehlenden Teile von Wandschneider nachgebildet werden. Hierfür waren zunächst eine Abformung und ein Abguss in Gips der originalen Friesteile notwendig, die dann mit den fehlenden Teilen ergänzt und in Sandstein als Tondo fertig modelliert wurden. Die Vorarbeiten übernahm die renommierte Berliner Firma Gebrüder Micheli, Gießerei für plastische Kunst (vgl. Weinland, 1994, S. 233). Die Gießerei Micheli wurde 1824 in Berlin gegründet. Die Brüder Claudio und Aurelio Micheli, beide auch bildhauerisch tätig, fertigten in ihren Werkstätten Reproduktionen von Plastiken nach bedeutenden Vorbildern in verschiedenen Materialien und Größen mit eigenen Kopiermaschinen an. So hatte die Firma bereits 1886 Kopien von Friesplatten des Pergamonaltars angefertigt, woran Aurelio Micheli wohl maßgeblich beteiligt war. Sie waren vermutlich die Grundlage für die Tondos der Brücke. Zu Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im April 1945 die Wiener Brücke von deutschen Wehrmachtstruppen gesprengt, um den Vormarsch der Roten Armee zu behindern. Nach dem Krieg wurden zwei Wandschneider-Tondos aus den Trümmern geborgen und zum 1912 eröffneten Friedhof Heiligensee verbracht, wo sie sich noch immer befinden. Dabei ist das Relief (A) mit der Szene des sterbenden Giganten Alkyoneus, besiegt von der Göttin Athena, heute Hauptbestandteil eines Mahnmals für die Opfer des Zweiten Weltkriegs. Anlässlich einer umfassenden Sanierung der Brücke 1932 waren auch ihre Bildwerke bildhauerisch überarbeitet und mit einem Schutzanstrich versehen worden (vgl. Cornehls, W. / Röhr, E.: Die Wiederherstellung der Wiener Brücke über den Landwehrkanal in Berlin. In: Bautechnik 11 (1933), S. S. 505.). Die Relief-Tondos sind wichtige Zeugnisse der Rezeptionsgeschichte des Pergamon-Altars. Geschaffen als repräsentativer Bauschmuck der Wiener Brücke, waren sie im Rahmen der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 Teil der Präsentation der Fundstücke der Ausgrabungen in den 1870er/80er Jahren. Zudem sind sie hervorragende Beispiele für eine stilsichere bildhauerische Ergänzung der Bildwerke des Gigantenfrieses im klassizistischen Stil, die nur in Fragmenten erhalten sind (Jürgen Tomisch, Barbara Anna Lutz).
Maße
beide Reliefs Höhe1.98 m
Breite2.1 m
Tiefe0.65 m
Durchmesser1.9 m
Verwendete Materialien
Sandstein, roter Mainsandstein (Miltenberg)
Technik
behauen
Inschriften
Inschriftenplatte (gemeißelt)
Bodenplatte
1939-1945. den Opfern
Inschriftenplatte (gemeißelt)
Bodenplatte
1939-1945/ AUS DEM ZERSTÖRTEN BERLIN/ GEBORGENE ORNAMENTE/ DER WIENER BRÜCKE/ BEIDE AUF DEM FRIEDHOF AUFGE-/ STELLTEN BILDHAUERARBEITEN/ - ENTSTANDEN UM DIE JAHRHUNDERT-/ WENDE - BEHANDELN MOTIVE/ AUS DEM PERGAMON-ALTAR
ZustandZeitpunkt
beide Reliefsverwittert2020
biogener Bewuchs2020
Risse2020
Abplatzungen, Relief B größere Abplatzungen2020
restauriert, 19322020
Relief Bverschmutzt2020
Vollständigkeit
vollständigRelief A
unvollständigRelief B: Schlangenkopf fehlt

  Nachweise

  • Bloch, Peter: Ethos und Pathos: die Berliner Bildhauerschule 1786-1914, Berlin, 1990, S. 521.
  • Endlich, Stefanie: Skulpturen und Denkmäler in Berlin, Berlin, 1990, S. 78.
  • Krause, Claudia A.: Die Kriegerdenkmäler von Wilhelm Wandschneider. Gefallenenehrung oder "Aufruf zum Heldentum für das Vaterland?" (Freie Universität Magisterarbeit 1992, Hochschulschrift)., Berlin, 1992, S. 6.
  • Pocher, Dieter: Anmerkungen zum Schaffen des Bildhauers Wilhelm Wandschneider (1866-1943)- In: Lichtnau, Bernfried (Hrsg.): Bildende Kunst in Mecklenburg und Pommern von 1880 bis 1950. Kunstprozesse zwischen Zentrum und Peripherie, Berlin, 2011, S. 251-263.
  • Ruchhöft, Bernd: Wilhelm Wandschneider. Leben und Werk eines Mecklenburger Bildhauers, Plau am See, 1992.
  • Weinland, Martina: Wasserbrücken in Berlin : zur Geschichte ihres Dekors, Berlin, 1994, S. 233.

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